Iris Lehmann
Economic Research Manager (ppa.)
IVAM Microtechnology Network
May. 26, 2020
International Business
Iris Lehmann
Economic Research Manager (ppa.)
IVAM Microtechnology Network

Was treibt Innovationen in der Mikro- und Nanotechnik im Jahr 2020?

Wird die Medizintechnik auch 2020 und in den kommenden drei Jahren der Hauptmarkt für Produkte der Mikro- und Nanotechnik sein? 

Im Jahr 2020 ist die Medizintechnik für 21,7% aller Befragten der wichtigste Markt, für 23,7% der Unternehmen, nur 13,6% der Forschungseinrichtungen. Der Aufwärtstrend wird sich weiter fortsetzten und Medizintechnik soll in drei Jahren für 24,3% der Organisationen der wichtigste Markt sein. 

Für welche Teilbereiche der Medizintechnik werden momentan spannende Technologien entwickelt?

Medizinische Mikrosysteme kommen überwiegend in der Diagnostik (78,3% der in der Medizintechnik tätigen Organisationen) und Behandlung (59,4%) zum Einsatz – daran hat sich im Vergleich zu 2017 kaum etwas geändert und wird sich auch in den kommenden drei Jahren wenig ändern: der Anteil bei Diagnostik wird voraussichtlich zurückgehen, bei der Behandlung wird der Anteil steigen.

Zeichnet sich in der Automobilindustrie ein Umschwung vom Verbrennungsmotor hin zu alternativen Antriebstechnologien ab? 

Heute beschäftigen sich 48,7% der in der Automobiltechnik tätigen Mikrotechnik-Unternehmen und -Institute mit Antriebstechnik (2017 waren es 42,7%) ein Rückgang auf 41,0% in den nächsten drei Jahren wird erwartet.

Gut zwei Drittel (68,4%) der Unternehmen und Institute, die sich mit Automobilantriebstechnik beschäftigen, arbeiten am Verbrennungsmotor, der Anteil wird voraussichtlich mittelfristig etwas zurückgehen auf 62,5%.

Ein höherer Anteil (78,9%) arbeitet aber bereits am Elektroantrieb, dieser Anteil soll in den nächsten drei Jahren auf über 90% steigen.

Immerhin knapp die Hälfte (47,4%) der mit Antriebstechnik beschäftigten Unternehmen und Institute arbeitet am Wasserstoffantrieb, der Anteil soll auf über die Hälfte (56,3%) ansteigen.

Welche Bedeutung haben Mikrotechnologien als Schlüsseltechnologien für die Automatisierung der industriellen Produktion?

Insgesamt sind 32,2% der Unternehmen und Institute in der Sensor-, Mess- und Regeltechnik/Automatisierung tätig – 37,3% sind im Maschinenbau tätig.

Prozesskontrolle ist in der Mikrotechnik-Branche heute das häufigste Anwendungsfeld in der Automatisierung/im Maschinenbau: 54,4% der Organisationen liefern diesem Bereich zu, dieser Anteil wird mittelfristig leicht ansteigen auf 56,1%.

An zweiter Stelle folgt die Robotik mit 49,1% – in drei Jahren sollen es etwas mehr (52,6%) sein.

Auf dem Gebiet Rapid Manufacturing/Rapid Prototyping sind heute 26,3% der Organisationen tätig, dieser Anteil wird mittelfristig stabil bleiben.

Hat der im vergangenen Jahr stark thematisierte Klimawandel bereits Einfluss auf Innovationen für die Energietechnik?

Nicht überraschend gilt der Klimawandel als der stärkste Treiber für Innovationen in der Energietechnik, nämlich für 90,9% der mit Energietechnik beschäftigten Mikrotechnik-Unternehmen und -Institute.

Die Verknappung fossiler Brennstoffe hält gut die Hälfte (54,5%) der Unternehmen und Institute, die in der Energietechnik tätig sind, für einen wichtigen Innovationstreiber.

Energiespeicherung ist das Thema der Zukunft für die Branche: 63,6% der mit Energietechnik beschäftigten Organisationen liefern Produkte und Technologien für diesen Bereich; in den kommenden drei Jahren wird dieser Anteil weiter steigen.

Wachsen wird auch der Anteil bei den alternativen Antrieben von heute 45,5% auf 63,3% in drei Jahren.

Insgesamt ist bisher ein eher geringer Anteil (9,3 %) der europäischen Mikrotechnik-Unternehmen und -Institute in der Energietechnik tätig.

Vor welchen organisatorischen Herausforderungen stehen Mikrotechnik-Organisationen Anfang 2020?

Der Wettbewerb um Fachkräfte macht sich in der Branche bemerkbar: 60,7% der Organisationen sehen darin eine Herausforderung. Forschungseinrichtungen sehen sich bei der Suche und Bindung von Fachkräften fast ebenso großen Herausforderungen gegenüber wie Unternehmen.

Profitabilität (37,4%) und Innovationskraft (34,6%) sind Unsicherheitsfaktoren, die jeweils gut ein Drittel der Mikrotechnik-Organisationen beschäftigen. Um ihre Wettbewerbsfähigkeit sorgen sich 27,1% der Befragten.

Offensichtlich sind der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft, das Erschließen von Auslandsmärkten und vor allem eine anhaltende Profitabilität Unsicherheitsfaktoren, die Unternehmen stärker belasten als Forschungs- und Hochschulinstitute - auffallend  hoch ist mit 45,3% der Anteil der Unternehmen, die sich Sorgen darüber machen, dauerhaft profitabel arbeiten zu können.

Eher gering ist hingegen der Anteil der Unternehmen und Institute, für die Regularien einen Unsicherheitsfaktor darstellen (nur 15%).

Vor welchen wirtschaftlichen, politischen oder gesellschaftlichen Herausforderungen stehen Mikrotechnik-Organisationen?

Der Handelsstreit mit den USA (43%) war zum Zeitpunkt der Befragung (Mitte Februar bis Mitte März) der größte externe Unsicherheitsfaktor für die europäische Mikrotechnik-Industrie. 

Auch das unsichere Wirtschaftswachstum in der EU/Europa (35,5%) und nationalistischen Tendenzen in der EU/Europa (31,8%) sorgen für Beunruhigung.

Offensichtlich stellen Handelskonflikte und wirtschaftliche Unsicherheiten für Unternehmen größere Unsicherheitsfaktoren dar als für Forschungseinrichtungen.

Der schnelle technische Fortschritt in China und der Klimawandel sind dagegen für Forschungseinrichtungen deutlich größere Unsicherheitsfaktoren als für Unternehmen.

Der Brexit ist vor allem für Unternehmen in Großbritannien problematisch (60%), insgesamt aber nur für 17,8% der befragten Unternehmen und Institute.

Auslandsmärkte entwickeln sich konstant – künftige Entwicklung ist ungewiss

Der Außenhandel konzentriert sich Anfang 2020 wie in den Vorjahren stark auf die EU/Europa: für 59,1% der Unternehmen ist dies die wichtigste Exportregion.

Die Unternehmen erwarten einen Rückgang des Exports in die USA – vermutlich aufgrund der derzeitigen Handelskonflikte (siehe externe Unsicherheitsfaktoren). Momentan sind die USA der wichtigste Markt für 18,2% der Unternehmen und liegen damit heute (Anfang 2020) noch vor China mit 13,6%.

In drei Jahren jedoch sehen nur noch 13,6% der Unternehmen ihren primären Exportmarkt in den USA, 27,3% hingegen in China.

Ob die Prognosen für die mittelfristige Entwicklung der internationalen Märkte tatsächlich eintreten, ist aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Unsicherheiten durch die Corona-Krise ungewiss.

Corona-Krise relativiert Aussagen zur Lage der Mikrotechnik-Branche 

Die wirtschaftliche Lage und Entwicklung der Mikrotechnik-Industrie war letztes Jahr gut, doch die Corona-Krise dürfte die positive Entwicklung gestoppt und vor allem Prognosen für die mittelfristige Entwicklung zunichte gemacht haben.

Die Umfrage wurde im Februar und frühen März 2020 durchgeführt, bevor Teile der Wirtschaft stillgelegt wurden und die vollen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie deutlich wurden. 

In einer Ende März durchgeführten Blitzbefragung unter Mitgliedern des IVAM Fachverband für Mikrotechnik äußerten sich diese noch zuversichtlich und fürchtete keine allzu gravierenden langfristigen wirtschaftlichen Folgen. Die Ergebnisse dieser Befragung können hier nachgelesen werden: https://www.ivam.de/corona_krise

Seit mehr als 10 Jahren fragt der IVAM Fachverband für Mikrotechnik zu Beginn jeden Jahres die Mikrotechnik-Branche in Europa nach ihrer wirtschaftlichen Lage, Strategien und Trends. Im Februar/März 2020 wurden knapp 3.000 Unternehmen und Forschungseinrichtungen in Europa zu ihrer wirtschaftlichen Lage und ihren Erwartungen, zu ihren internationalen Aktivitäten, zu Markt- und Applikationstrends, zu Treibern für Innovationen sowie zu potenziellen Unsicherheitsfaktoren für die Stabilität ihrer Organisation befragt. 

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