Dr. Thomas R. Dietrich
Chief Executive Officer
IVAM Microtechnology Network
Jun. 28, 2019
International Business
Dr. Thomas R. Dietrich
Chief Executive Officer
IVAM Microtechnology Network

China – Entwicklungsland oder Hightech-Paradies?

Rasante Entwicklungen sind deutlich spürbar

Ich reise seit fast 25 Jahren regelmäßig nach China – meistens geschäftlich. Auch Mitte der neunziger Jahre haben nicht alle der oben genannten Klischees zugetroffen, aber von Hightech war da auch noch nicht viel zu spüren. China befand sich gerade am Übergang von einem Entwicklungsland zu einem Schwellenland. 

Als ich nun im letzten Monat in China war, zunächst auf der jährlichen Weltkonferenz für Mikrotechnik, dem Micromachine Summit in Xi’an und anschließend in Shanghai auf der Medizintechnikmesse CMEF, war ich wieder einmal beeindruckt von dem schnellen Wandel, der in diesem Land sichtbar ist. 

Micromachine Summit 2019 in Xi’an

Hintergrund: Auf dem Micromachine Machine Summit, der Mitte der neunziger Jahre vom japanischen MicroMachineCenter ins Leben gerufen wurde, treffen sich die weltweit führenden Vertreterinnen und Vertreter aus Forschung und Industrie in der Mikrosystemtechnik. Im Jahr 2010 war Dortmund Gastgeber des Gipfeltreffens. 

Dort, wo vor zehn Jahren noch kleine Gassen mit Holzhäusern und Garküchen auf der Straße existierten, stehen heute moderne Hochhäuser neben 6-spurigen Autobahnen. Das ist zu bedauern, weil viel von dem ursprünglichen Flair der traditionellen chinesischen Stadtteile verloren gegangen ist. 

Insbesondere vermisse ich persönlich die Garküchen, mit den frisch zubereiteten exotischen Speisen. Heutzutage sind die Street Food-Märkte „steril“ und als Touristenattraktion auf wenige Plätze beschränkt. Allerdings wurden dadurch die Lebensmittelqualität und Hygienebedingungen wesentlich verbessert. 
 

Mit Vollgas Richtung Hightech: die industrielle Entwicklung

Ein interessantes Beispiel, wie schnell die industrielle Entwicklung in China verläuft, zeigt die Stahlindustrie: China kaufte vor 15 Jahren in Dortmund ein Stahlwerk, um es in der Nähe von Shanghai, in Zhangjiagang, wieder aufzubauen. Es war ein Symbol für den Niedergang dieser 150 Jahre alten Schwerindustriesparte in Deutschland, dem hier in Dortmund neuere Industrien folgten, wie Mikrotechnik, Biotechnologie und Logistik. Während das alte Stahlwerk in Deutschland nicht mehr rentabel betrieben werden konnte, erneuerte es in China die Produktion und machte China international wettbewerbsfähig und zusammen mit anderen Maßnahmen zum weltweit größten Stahlproduzenten. 

Die Entwicklung in China ging dann aber mit 10-facher Geschwindigkeit weiter. Schon heute, nach bereits etwa 15 Jahren, ist das Werk am aktuellen Standort nicht mehr rentabel. Es passt auch nicht mehr in die Nähe der Hightech-Metropole Shanghai. Es soll wieder versetzt werden, und zwar in die noch nicht so weit entwickelten Westgebiete. Dafür entstehen zum Beispiel Nanotechnologie-Parks, wie „Nanopolis“ in Suzhou. 

Bemerkenswert ist auch hier wieder die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung: was in Europa 150 Jahre gedauert hat, wird in China innerhalb von 15 Jahren vollzogen. 

Chinesen und die Liebe zur Technik

Was im Straßenbild sofort auffällt, ist die Digitalisierung in allen Bereichen des täglichen Lebens. Während wir uns in Europa und besonders in Deutschland noch Gedanken über die Gefahren der Digitalisierung und des Einsatzes von Hightech-Produkten machen, sind die Technologien in China bereits allgegenwärtig. 

Ein typischen Beispiel sind die Mobilitätsangebote: Vor 20 Jahren kam man tatsächlich wegen der vielen Fahrräder kaum über die Straße. Heute allerdings muss man an Straßen sehr aufpassen, weil Motorräder und Mopeds beliebte Fortbewegungsmittel sind – und zwar alle elektrisch betrieben. Leider sind die dabei so leise, dass ich mehrfach fast überfahren wurde, weil ich sie nicht herankommen gehört habe. 

Auch die Anzahl der Autos ist natürlich mit dem Lebensstandard stark gestiegen. Da China immer noch mit starker Luftverschmutzung zu kämpfen hat, ist die Förderung der E-Mobilität ein wichtiges Ziel der chinesischen Regierung. Im weltweiten Vergleich werden die meisten reinen Elektro-Autos in China verkauft.

Bargeld?  Wozu braucht man das?

Wer dem Stau aus dem Weg gehen will, fährt am besten mit den gut ausgebauten, modernen Metrolinien durch Shanghai. Aber da hat man als Ausländer gleich ein großes Problem zu bewältigen:

Wir hatten uns gut über die richtige Metro-Linie informiert und folgten den entsprechenden Schildern, die uns den Weg zur richtigen Linie zeigten; dann immer den Menschen nach, die in einer Schlange Richtung Eingang zur Metro liefen. Erst kurz vorher entdeckten wir, dass wir dort kein Ticket erwerben konnten. Die Chinesen zückten ihr Smartphone und passierten die Schranken. 

Wo sind die Ticket-Automaten? Nach einiger Suche fanden wir sie dann. Es waren nur einige wenige und auch keine großen Schlangen davor. Offensichtlich haben alle Shanghaier Zeitkarten oder Handytickets, denn vor den Automaten standen fast nur Ausländer. 

Aber auch hier wieder: An den meisten der Automaten konnte nur mittels Handys bezahlt werden! Von den wenigen Automaten, die auch Kreditkarte oder Bargeld(!) nahmen, waren allerdings einige kaputt und nahmen z.B. keine Geldscheine an.

Nach einer Weile hatten wir dann Erfolg und waren im Besitz der unglaublich günstigen Metro-Tickets, die umgerechnet weniger als 0,50 € kosteten. 

Bezahlt wird in Shanghai bargeldlos. Kreditkarten werden angenommen. Aber üblicherweise wird ein digitales Zahlungssystem verwendet, z.B. WeChat-Pay. 

Wie weit verbreitet und wie selbstverständlich das inzwischen geworden ist, zeigen zwei weitere Anekdoten: 

  1. Als ich in einem kleinen Lebensmittelgeschäft eine Flasche Orangensaft kaufen wollte und meinen Geldschein an der Kasse hinlegte, ging hinter der Kasse die Hektik los: Kollegen wurden gerufen; es wurde diskutiert und überlegt; dann ging die Sucherei los – nach dem, offensichtlich schon länger nicht mehr genutztem, Wechselgeld!
     
  2. Bei dem Besuch unserer Delegation bei einem chinesischen Luftfahrtunternehmen in Xi’an wurden wir in einer sehr geschmackvoll eingerichteten Wartebereich gebeten. Da es sehr warm war, wollten wir etwas trinken. Es gab dort auch einige Getränkemaschinen. Aber – Sie ahnen es sicher schon – die Maschinen funktionierten nur über das Handybezahlsystem. Wir blieben durstig!

Smartphone: Smarter Helfer in allen Lebenslagen

Sehr beeindruckt war ich von der Übersetzungs-App Chinesisch-Englisch. Man spricht in das Handy seinen Text und erhält die Übersetzung gesprochen und als Text. Die Übersetzung war außergewöhnlich gut – kein Vergleich zu den bislang unbrauchbaren Übersetzungen gängiger Online-Übersetzungstools. Da wir auf der Messe, während Taxifahrten, an der Hotelrezeption oder in Restaurants nicht unbedingt immer einen Dolmetscher dabei hatten, waren wir sehr dankbar für diese Hilfen, die – so scheint es – wohl jeder Chinese installiert hat.

Da im stressigen, chinesischen Berufsalltag nur selten Zeit zum Kochen bleibt, sind Lieferdienste für Speisen der unterschiedlichsten Art selbstverständlich geworden und werden täglich genutzt. Chinesische Kollegen erzählten uns, dass dies sowohl für die Mittagspausen während der Arbeit als auch abends zuhause regelmäßig genutzt wird. Selber zu kochen ist – zumindest in den Hightech-Metropolen – aus der Mode gekommen.

Service-Roboter im Hotel?  Auch nur "Menschen"! 

Ein persönliches Highlight für das IVAM-Team vor Ort war ein Serviceroboter in unserem Hotel. Er hatte seinen Hauptstandort in der Hotellobby und fiel dort kaum auf. Auch wenn er sich von dort wegbewegte und durch die Lobby fuhr, nahm kaum jemand Notiz von ihm. Man hat sich in Shanghai offensichtlich schon an Roboter in der Öffentlichkeit gewöhnt.

Meine Kollegin hatte eines Nachts Besuch von diesem Roboter in ihrem Zimmer. Sie bekam einen kurzen Anruf, in dem der Roboter ihr mitteilte, dass er nun vor der Tür stünde. Als sie öffnete, teilte er ihr mit, dass er das bestellte Ladekabel dabei hätte und öffnete eine Schublade, in der das Kabel lag. Allerdings hatte sie das Kabel gar nicht bestellt. Der Roboter hatte sich schlicht in dem großen Hotel verlaufen…. ist halt auch nur ein Mensch…. ;-)

Am nächsten Tag brachte er dann noch einmal eine Flasche Wasser und hat ihr beim Abschied freundlich angeboten, doch ein Selfie mit ihm zu machen. 

Auch wenn das rein technisch natürlich in Deutschland ebenso gehen würde, gesehen habe ich es noch nicht. Da ist uns China einen Schritt voraus. China hat wie auch Deutschland oder Japan ein großes Problem mit zu wenig Pflegekräften in Krankenhäusern. Es gibt bereits ein Programm der Regierung Serviceroboter im großen Stil in Krankenhäusern einzusetzen. 

Aber auch darüber hinaus laufen in China Entwicklungen, um Roboter mit künstlicher Intelligenz auch als Ärzte einsetzen zu können. Schon 2017 hatte der Roboter Xiaoyi weltweit als erster die nationale Medizin-Zulassungsprüfung bestanden. Diese muss in China jeder bestehen, der als Arzt anerkannt werden will.

China, weiterhin ein wichtiger Wirtschaftspartner!

China wird als Handelspartner immer wichtiger. 2018 kamen weltweit die meisten Importe nach Deutschland aus China. Auch bei den Exporten liegt China immerhin auf Platz 3. Dies wird auch der Handelskrieg mit den USA nicht wesentlich ändern, wenn auch stören. Viele der neuen Technologien (z.B. der oben genannten) werden inzwischen von chinesischen Forschungsinstituten und Unternehmen entwickelt. Chinesen sind nicht mehr nur Kunden für Hightech – Produkte „Made in Germany“. 

Sie liefern Hightech nach Europa und haben sich zu Konkurrenten von europäischen Unternehmen entwickelt. Ein gutes Beispiel sind die Elektro-Fahrzeuge, wo China dabei ist, die großen deutschen Automobilkonzerne zu überholen. 

Für die Mikrotechnik-Industrie ergeben sich dadurch aber große Potenziale: Zum einen sind die chinesischen Kunden inzwischen an den neuesten Produkten interessiert, z.B. im Bereich Medizintechnik. Der chinesische Markt für deutsche Produkte wächst ständig. Zum anderen stehen sie auch als „Partner auf Augenhöhe“ für die Entwicklung neuer Produkte und die kompetente Produktion für  internationale Märkte zur Verfügung. 

Hintergrund: IVAM-Gemeinschaftsstand stieß auf großes Interesse: Erfolgreiches Debüt für Komponentenhersteller auf der CMEF in Shanghai

Um die Frage vom Anfang zu beantworten: Technologisch ist China definitiv kein Entwicklungsland! Es mag sein, dass dies vor 20 Jahren noch so war. Doch das stimmt für östlichen Teil des Landes schon lange nicht mehr. 

Ich persönlich bin angesichts der rasanten technologischen Entwicklungen etwas hin- und hergerissen. Mich begeistert die Innovationskraft und ich finde auch, dass China ein Vorbild bei der Akzeptanz von neuen technologischen Möglichkeiten sein kann. Über all diese Begeisterung für die technologische Entwicklung des Reichs der Mitte darf allerdings auch nicht außer Acht gelassen werden, dass staatliche Institutionen die Möglichkeiten der Digitalisierung ebenfalls nutzten können – zur Überwachung und Bevormundung der eigenen Bürger.

Vielleicht ist es manchmal doch besser, die möglichen Gefahren und negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft in Ruhe zu diskutieren und den vorsichtigen und langsamen deutschen Weg zu gehen? Trotz der Gefahr bei technologischer Marktführerschaft nicht mehr mithalten zu können? Was denken Sie? Schreiben Sie uns gerne Ihre Erfahrungen zum Thema!

So oder so: In jedem Fall sollten deutsche Unternehmen in China präsent sein! Der riesige chinesische Markt bietet großes Wachstumspotenzial für deutsche Firmen.

Hintergrund: Zum zweiten Mal organisiert der IVAM Fachverband für Mikrotechnik einen Gemeinschaftsstand auf der CMEF 2020 in Shanghai und bietet dadurch die Gelegenheit für Hightech-Unternehmen einen Fuß in den chinesischen Medizin-Markt zu setzen.

 

Contact the author